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Öffentliches Laden wird zum Einzelhandelsgeschäft

Einen Großteil des letzten Jahrzehnts stand in der Ladebranche der Ausbau im Mittelpunkt. Es ging darum, Standorte zu sichern und Ladesäulen aufzustellen.

Wenn du Anfang des Monats auf der ICNC warst, ist dir sicher aufgefallen: Der Fokus verschiebt sich.

Der EV Charging Market Outlook 2026 von Strategy& zeigt, warum.

Europas öffentliche Schnellladeinfrastruktur ist zwischen 2021 und 2025 jährlich um 50 % gewachsen, der Bestand an batterieelektrischen Fahrzeugen um 45 % pro Jahr. Die Infrastruktur wächst also schneller als die Zahl der E-Autos.

Genau deshalb lautet die entscheidende Frage im Wettbewerb nicht mehr „Finden Fahrende eine Ladesäule?“, sondern immer öfter „Warum sollten sie ausgerechnet deine wählen?“

Auf den Ausbau folgt der Wettbewerb

Solange es nur wenige öffentliche Ladepunkte gab, hatten Fahrende kaum eine Wahl. Sie nutzten den Standort, der verfügbar war, auch wenn die App unzuverlässig, der Preis unklar oder das Bezahlen umständlich war.

Heute ist Hardware kein knappes Gut mehr, und wer die Wahl hat, verhält sich anders. Plötzlich entscheidet das Erlebnis rund um das Laden.

  • Funktioniert die Ladesäule?
  • Muss ich schon wieder eine neue App herunterladen?
  • Ist der Preis klar erkennbar?
  • Kann ich so bezahlen, wie ich möchte?
  • Kann ich mich darauf verlassen, dass der Ladevorgang problemlos startet und endet?

Je besser Ladeinfrastruktur verfügbar ist, desto stärker werden diese Details zum Wettbewerbsvorteil.

Mehr Infrastruktur bedeutet mehr Auswahl für die Kundschaft

Der deutlichste Beleg dafür, dass Laden zu einem Transaktionsmarkt geworden ist, liegt in der Lücke zwischen dem Besitz von Infrastruktur und der Zahl der Ladevorgänge.

Würde der Besitz von Ladepunkten bestimmen, wer die Fahrenden gewinnt, müssten die folgenden Zahlen ungefähr übereinstimmen. Laut dem eMobility Excellence Report 2026 von P3 tun sie das nicht:

Tesla kommt auf mehr als doppelt so viele Ladevorgänge, wie es seinem Anteil an Ladepunkten entspricht, während „Andere CPOs“ nur etwa die Hälfte erreichen.

Mehr Ladepunkte führen also nicht automatisch zu mehr Nachfrage. Etwas anderes überzeugt die Fahrenden. Aber was?

In einer Umfrage unter 402 E-Autofahrenden spielte die Netzabdeckung als Auswahlkriterium eine geringere Rolle, Preistransparenz und App-Qualität dagegen eine größere:

  • 96 % halten die Tarife für wichtig
  • 74 % wünschen sich Preisinformationen in den Stationsdetails
  • 43 % sehen fehlende Kosteninformationen als Problem

Die Umfrage von Strategy& unter europäischen CPOs bestätigt das aus Sicht der Betreiber*innen: 55 % sagen, dass das Nutzungserlebnis zunehmend darüber entscheidet, wofür sich die Kundschaft entscheidet.

Stoßen Fahrende auf unübersichtliche Preise, eine umständliche App oder eingeschränkte Zahlungsmöglichkeiten, haben sie allen Grund, beim nächsten Mal einen anderen Standort zu wählen. Lage und Abdeckung bleiben wichtig, doch das Transaktionserlebnis wird zu einem entscheidenden Unterscheidungsmerkmal.

Laden wird zur alltäglichen Dienstleistung

Das zeigt sich auch daran, wo Fahrende laden möchten. Laut der Umfrage von P3 sind die beliebtesten Ladeorte:

  • Einzelhandels- und Freizeitstandorte: 69 %
  • Öffentliches Laden in der Stadt: 65 %
  • Schnellladen an der Autobahn: 55 %

Laden fügt sich heute in Einkauf, Arbeit und alltägliche Wege ein. Fahrende messen es deshalb an den Standards, die sie von anderen Einkäufen gewohnt sind. Sie wollen wissen, was etwas kostet, erwarten, dass die Zahlung funktioniert, und verlassen sich darauf, dass die Informationen in der App der Realität entsprechen.

Derzeit klafft zwischen dieser Erwartung und dem tatsächlichen Erlebnis noch eine deutliche Lücke. P3 zufolge sagen 49 % der Fahrenden, dass die in Apps angezeigte Echtzeit-Verfügbarkeit bei ihrer Ankunft nicht mit der Realität übereinstimmt.

Das ist kein kleines technisches Problem. Es beschädigt das Vertrauen genau in dem Moment, in dem die Kundschaft entscheidet, ob sie ein Netzwerk wieder nutzt.

Wer heute an der Ladesäule steht

Günstigere Modelle wie der Dacia Spring, der Leapmotor T03 und der Citroën ë-C3 bringen zudem neue Käufer*innen in den Markt. Das spiegelt sich in den Verkaufszahlen wider: Im August 2026 lagen die E-Auto-Verkäufe in der EU 36 % über dem Vorjahr.

Viele neue Besitzer*innen werden öffentliches Laden an den Einkaufserlebnissen messen, die sie aus dem Alltag kennen. Für alle, die zu Hause nicht laden können, vor allem in Städten, ist öffentliches Laden keine Notlösung, sondern die Regel. So haben etwa rund 40% der Haushalte im Vereinigten Königreich keinen eigenen Stellplatz und sind damit vollständig auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen. Das Erlebnis muss daher verlässlich, transparent und einfach zu bezahlen sein.

Mit dem wachsenden Markt darf sich öffentliches Laden nicht wie eine Spezialdienstleistung anfühlen. Es muss so einfach funktionieren wie jede andere Zahlung im Alltag.

Die kommerzielle Herausforderung hat sich verändert

Schnellladehardware muss zuverlässig, gut platziert und ordentlich gewartet sein. Hardware allein ist aber kein dauerhafter Vorteil mehr, und das wissen die CPOs.

In der Umfrage von Strategy& unter europäischen CPOs

  • nennen 70 % die Verbesserung des Bezahlerlebnisses als zentrale Initiative für die nächsten zwölf Monate,
  • sehen 37 % Hürden beim Bezahlen als zentrales Problem ihrer Kundschaft,
  • priorisieren 59 % Auslastung und Anlagenproduktivität.

In der nächsten Phase der Branche entscheidet nicht, wer die meisten Ladepunkte besitzt.

Entscheidend ist, wer die Transaktion im Griff hat.